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Angedacht

Narretei der Liebe

 „Wir verkünden Christus als den Gekreuzigten; für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“, schreibt der Apostel im ersten Korintherbrief (1,23-24). „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit“, betet die Gemeinde im Gottesdienst.

Der Glaube an den Kreuzestod Christi ist wesentlich für den christlichen Glauben. Historisch ist er nicht zu bestreiten, da ihn zum Beispiel auch der römische Geschichtsschreiber Tacitus erwähnt. Und dennoch tun sich auch Christen schwer mit dem Tod Jesu am Kreuz. Da ist zunächst die Brutalität, der sich Menschen nicht gerne aussetzen. Obwohl wir alle durch die Medien fast täglich Gleichem oder Schlimmeren ausgesetzt sind. Oder ist das vielleicht gerade der Grund: Dass wir uns wünschen, dass der Glaube von dem allen, was uns so oft zusetzt, frei bleiben soll, ein Refugium des Friedens und der Geborgenheit? Das ist der Glaube auch – doch nicht an der Realität vorbei, sondern mitten in der Realität; in der Realität des Kreuzestodes und den schrecklichen Realitäten unserer Tage. Ein Widerspruch? Ich glaube nicht, aber schwer zu verstehen: Dass Jesus gelitten und gestorben ist, damit kein Mensch in seinem Leid und selbst im Tod nicht alleine ist. Dass Gott, von dem wir das Heil erhoffen, den wir um Hilfe bitten, dem wir uns anvertrauen, hilflos, wehrlos und machtlos schlimmstes Unheil erfährt. Ich kenne das: Ich wünsche mir Gott stark, damit er für mich stark ist, doch am Kreuz sehe ich ihn schwach und fürchte meine eigene Schwäche. Doch, schreibt Paulus im zweiten Korintherbrief (12,10), „wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“, weil sich in meiner Schwäche Gottes Kraft entfaltet. Wie sich nach der Schwäche des Kreuzes die Kraft des Lebens zeigen wird. Der Abschnitt aus dem zweiten Korintherbrief wird auch als die Narrenrede des Paulus bezeichnet, es ist die Narretei der Liebe und des Lebens. Die möchte ich nicht verschweigen.

 

Michael Tillmann