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Angedacht

Wo ist denn der Arme geblieben?

 

Die Holzskulptur des heiligen Martin irritiert. Prächtiges Pferd, prächtiger Martin, prächtiges Schwert, doch es fehlt etwas Wichtiges, Entscheidendes: der Arme, der Bettler. Bei aller Pracht und Kunstfertigkeit der Schnitzerei war für ihn scheinbar kein Platz, keine Zeit mehr. Mal wieder: Der Bettler an den Rand gedrängt, aus dem Blick verloren. Und so wirkt die Geste des Heiligen hohl, fehlt doch seiner Nächstenliebe der Adressat.

Ich weiß nicht, was den mittelalterlichen Künstler zu dieser Darstellungsweise bewegt hat. Vielleicht sehen wir heute auch nur noch einen Teil der Skulptur, doch so, wie sich das Kunstwerk heute präsentiert, widerspricht es allem, wofür Martin steht. Das Entscheidende in der weltbekannten Szene im Stadttor von Amiens ist ja nicht, dass ein Mantel geteilt wurde, sondern dass ein Armer, ein Erniedrigter gesehen wurde und so Ansehen gewonnen hat. Nicht hoch zu Ross über die Köpfe und das Schicksal der Menschen hinweg reitet der Soldat, Repräsentant der Machthaber, sondern mit offenen Augen und offenem Herzen. Darin ist uns Martin ein Vorbild. Wir brauchen für heutige Amiens-Erlebnisse kein Schwert und keinen Mantel, sondern einen wachen Geist und ein liebendes Herz. Dann begegnet uns Christus doppelt – in dem Leidenden und in der Liebe, die wir in uns haben.