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Angedacht

Unvollendet

Über die zahlreichen unvollendeten Werke des Künstlers Michelangelo diskutieren die Kunstexperten seit Jahrhunderten. Eines dieser Werke ist die sogenannte „Madonna Manchester“, deren Namen auf die Tatsache zurückgeht, dass das Bild – eines der wenigen erhaltenen Tafelbilder Michelangelos – 1857 in Manchester zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurde. Zu sehen ist in der Mitte die Gottesmutter Maria, die ein Buch in Händen hält. Zu ihren Füßen der vielleicht fünfjährige Jesus, der sich nach dem Buch ausstreckt. Rechts von ihm Johannes der Täufer und zwei Engel. Die beiden Personen wie auch der Kopf Marias sind unvollendet.

Das unvollendete Gemälde wird für mich zum Sinnbild, stellt mir die Frage: Wie halte ich es mit Jesus? Wie halte ich es mit Jesus, wenn Weihnachten vorbei ist, wenn das niedliche Kind in der Krippe nicht mehr im Mittelpunkt steht? Wie halte ich es mit dem heranwachsenden, mit dem erwachsenen Jesus? Wende ich mich dann ab? Verliere ich das Interesse? Verflüchtige ich mich? Schaue ich vielleicht zu Ostern noch mal kurz vorbei oder bin ich erst wieder Weihnachten präsent? Mein Glaube als sich wiederholender Kindergeburtstag?

Wäre es so – ich bliebe im Glauben, in meiner Beziehung zu Jesus unvollendet. Mehr als Konturen wären nicht sichtbar. Denn der Glaube ist kein Event, gelegentlich großartig zelebriert, doch genauso schnell vergessen. Ein solcher Glaube wäre mir keine Lebenshilfe. Ich brauche die Nähe Gottes, sein Wort, seine Fürsorge doch gerade in den Niederungen des Alltags. Gott ist nicht nur ein Gott der Feiertage, sondern auch – und gerade – des Alltags. Denn der Alltag ist der Ort seiner Fürsorge. Und deshalb möchte ich mit Jesus wachsen. Auf die Worte des Erwachsenen hören, sein Handeln bedenken, in seinem Leid mit ausharren.

Es gibt zwei Gründe, warum viele Werke Michelangelos unvollendet geblieben sind. Der eine liegt auf der Hand. Er konnte sie vor seinem Tod nicht mehr vollenden. Auch ich werde mein Glaubensleben nicht aus eigener Kraft vollenden können, doch der Tod – das ist mein Glaube – ist kein Abbruch, sondern in der Auferstehung Vollendung. Die „Madonna Manchester“ ist ein Frühwerk Michelangelos. Er hat es über 60 Jahre vor seinem Tod begonnen – und dann scheinbar das Interesse verloren. Das kann mir leider auch im Glauben passieren, dass ich das Interesse an Jesus verliere. Doch aus solchen Gründen unvollendet zu bleiben, ist doch traurig.

Michael Tillmann