Monatsspruch
Da weinte Jesus. (Johannes 11,35)An zwei Stellen erzählt die Bibel, dass Jesus weinte. Einmal, als er vor seinem Leiden auf dem Weg nach Jerusalem ist, weint er über die Stadt und ihr bevorstehendes Schicksal (Lukas 19,41-42). Im Johannesevangelium weint er über seinen toten Freund Lazarus – auch das kurz vor seiner Passion. Das eigene Leiden vor Augen weint Jesus nicht über sich selbst und sein Schicksal, sondern über die, die ihm am Herzen liegen. Und deshalb – glaube ich – weint er auch heute über die vielen, die unter mörderischer Gewalt, unter Hunger und Not, Verfolgung, Krankheit oder Einsamkeit leiden. Ich glaube, dass die Tränen Jesu ein Trost sind, sind sie doch ein Zeichen seiner Nähe. Jede Träne legt Zeugnis darüber ab: Ich – Du – wir sind nicht allein. Und das gilt nicht nur für die Tränen Jesu. Wenn er zur Nachfolge aufruft, dann auch dazu, ihm in seinem Mitgefühl, seinem Mitleiden, seinen Tränen nachzufolgen. Sie sind mir genauso Auftrag wie seine Worte und sein Handeln. Der Theologe Johann Bengel sagte im 18. Jahrhundert: „Christen, die nicht weinen und meinen, sie seien besonders glaubensstark, sollten sich nicht täuschen. Gott kann ihnen am Ziel nicht einmal die Tränen abwischen.“
Michael Tillmann