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Monatsspruch

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. (Amos 5,24)Der Monatsspruch für den Juli ist der vorletzte Vers eines Kapitels, das die Überschrift trägt: „Totenklage über das Haus Israel“. Wer da klagt, ist Gott selbst. Und er klagt nicht über das Leid, was Israel erleidet, sondern über das Leid, das Israel verursacht. Das Kapitel 5 des Prophetenbuches ist mehr Anklage als Klage. Und Gott legt dem Propheten harsche Worte in den Mund: „Ich hasse, ich verabscheue eure Feste, und eure Feiern kann ich nicht riechen! … Weg von mir mit dem Lärm deiner Lieder! Und das Spiel deiner Harfen – ich höre es mir nicht an!“ Die Mahnung des Amos wird oft als Kultkritik bezeichnet, doch es ist viel mehr: es ist eine Lebenskritik. Gott zürnt nicht über die Art und Weise, wie er im Tempel verehrt wird, sondern über die Art und Weise, wie die Mächtigen und Starken im Volk mit den Armen und Schwachen umgehen. Gott prangert Ungerechtigkeit und Gewalt an.
So kann ich die Totenklage über das Haus Israel auch lesen als Anklage eigenen Fehlverhaltens, als Anklage an der Ungerechtigkeit, die auch in unserer Gesellschaft herrscht – und weltweit sowieso. Dabei soll mein Blick nicht auf die Missstände in der Welt abschweifen, zuerst muss ich mich selbst in den Blick nehmen. Was ist mein Anteil am Unrecht?
Jetzt ist der Monatsspruch positiv formuliert, mehr Auftrag als Anklage. Das darf ich mir genauso zu Herzen nehmen: Wie ich Anteil habe am Unrecht, bin ich fähig, gerecht zu handeln. Und wenn dabei jede und jeder einen Anteil übernimmt – je nach Fähigkeit – dann kann aus diesen vielen kleinen Taten des Rechts ein reißender Strom der Gerechtigkeit werden.Michael Tillmann